Cobots auf der IMTS 2016

Cobots auf der IMTS 2016

Vor knapp zwei Wochen (12 – 17 September) fand in Chicago die IMTS, Nordamerikas größte Messe für Fertigungstechnologie, statt. Ingesamt besuchten 115 000 Vertreter aus unterschiedlichen Industrien die Messe. Natürlich waren auch einige Global Player wie ABB, Fanuc, Kuka und Universal Robots anwesend. Es wurden auch kollaborierende Roboter (Cobots) gezeigt, doch allzu große Neuheiten zur Automatica gab es nicht. Nennenswert sind nur zwei Produktvorführungen.

1. Kuka stellt einen LBR iiwa für den Medizinbereich vor

Leider sind weitere Informationen nicht bekannt, aber auf der IMTS hat der iiwa eigentlich nur die gleiche Vorführung wie in ihrem Imagefilm aus dem Jahr 2014 gezeigt.


Mit der RWTH Aachen gibt es auch ein Forschungsprojekt über die Nutzung von Cobots in der Medizin. Auf KUKA Healthcare wurden alle Bilder und Videos über Leichtbauroboter entfernt. Deshalb könnte es sein, dass bald die „offizielle“ Vorstellung stattfindet. Vielleicht auf der IAS in Shanghai?

2. UR-Modell mit Kollisionsvermeidung


Von der Firma Energid wurde auf der IMTS eine Kombination eines UR Cobots und Bewegungssensoren der Firma OptiTrack vorgestellt. Die Arbeitsumgebung wird durch vier Kameras der Prime-Serie überwacht. Diese Kameras erfassen die Bewegung des „Stocks“, an dem mehrere Referenzpunkte montiert sind. Die Idee ist wirklich gut und führt zu einem Post-Kollisions-Konzept. Eine weitere Entwicklung, sodass die Kameras möglicherweise die Handschuhe eines Mitarbeiters als Referenzpunkte erkennen, würde diese Idee zu einem Moonshoot machen. Damit könnten ältere Generationen von Industrierobotern umgerüstet werden und zu Mensch-Roboter-Kollaboration qualifiziert werden.

Bildquelle: The Association For Manufacturing Technology

Sicherheitsexpertin Roberta Nelson Shea geht zu Universal Robots

Sicherheitsexpertin Roberta Nelson Shea geht zu Universal Robots

Im Februar diesen Jahres wurde die ISO-Norm für kollaborierende Roboter (ISO/TS 15066) unter Leitung von Roberta Nelson Shea veröffentlicht. Nun verlässt Shea ihren Posten als Direktorin der ‚Robot and Automation Safety Group‘ und beginnt eine neue Herausforderung als Global Technical Compliance Officer bei Marktführer Universal Robots. Shea hat jahrelange Erfahrung im Bereich der Robotik und ihre berufliche Laufbahn führte sie schon zu Rockwell Automation, Symbotic LLC, Applied Manufacturing Technologies, Pilz Automation Safety L.P., Honeywell und der Procter & Gamble Manufacturing Company. Sie war federführend beim Entwurf der neuen Norm für Cobots. Der vorherige GTCO, Lasse Kaffer, hat damals auch aktiv an der ISO 15066 mitgearbeitet. Die neue Norm wurde seinerzeit positiv von UR aufgenommen, weshalb diese Personalie logisch erscheint.

Der Cobot Hersteller Universal Robots hat Roberta Nelson Shea eingestellt
Neue GTCO von Universal Robots: Roberta Nelson Shea

Ihre neuen Aufgaben werden sehr komplex und herausfordernd, doch Shea als auch Universal Robots werden von dieser Partnerschaft langfristig profitieren. Die erfahrene Expertin wird dem „Start-Up“ helfen, die jetzige Marktposition weiter zu festigen und mögliche Sicherheitsprobleme zu vermeiden. Hauptaufgabe des GTCO wird die Umsetzung von Richtlinien sein, indes könnte Lobbyismus auch Teil ihrer Arbeit werden. Universal Robots’s Entwicklungsleiter Mogen Saigal kommentierte die Einstellung, in Zusammenhang mit der Wichtigkeit von Standards, mit den Worten:

Diese Spezifikationen sind ein wichtiger erster Schritt, um Richtlinien für die Robotersicherheit und Risikobeurteilungen zu formulieren. Das ist ein Thema, das Universal Robots weiterhin führend weiterentwickeln und vorantreiben wird – nun in Zusammenarbeit mit Roberta Nelson Shea. Außerdem wird sie unsere Mitarbeiter und Vertriebspartner generell in den Themen Robotersicherheit und Risikobeurteilungen schulen.

Der Interessenkonflikt wird deutlich und ist auch sichtbar. Im Komitee für Robotik, welches am 1. Januar 2016 aus der Taufe gehoben wurde, sitzen neben wissenschaftlichen Experten auch Industrievertreter von bspw. ABB, Universal Robots, Denso und Rockwell Automation. Die großen Konzerne sind sehr gut repräsentiert, weswegen neue Marktteilnehmer bzw. Start-Ups durch spätere Einflussnahme innerhalb des Komitees am Markteintritt oder Wachstum gehindert werden könnten. Natürlich hat die ISO einen Ethikcode und würde solchen Lobbyismus nicht dulden, aber in der Politik ist es nicht anders.

Die Personalie war wohl vor längerer Zeit besiegelt worden, denn Frau Shea beginnt ihre Arbeit Anfang nächster Woche. Ihr Netzwerk, welches sie in den letzten Jahrzehnten als Vorsitzende des Sicherheitskomitees der RIA aufgebaut hat, wird UR eine große Bereicherung sein und das Wachstum der Firma weiter fördern.

Strategisch gesehen, kann man nur sagen: „Chapeau, Universal Robots!“ , aber moralisch ist diese Einstellung eine Gratwanderung.

 

Bildquelle: Universal Robots

Wie funktionieren Cobots?

Wie funktionieren Cobots?

Das Thema ‚Cobots‘ und ‚Industrie 4.0‘ werden immer intensiver von den Betrieben diskutiert und den Cobots wird eine rosige Zukunft bevorstehen. Die Evolution von ‚Industrie 4.0‘ geschieht durch eine bessere Erfassung der Produktionsprozesse bzw. der gesamten Wertschöpfungskette mit Hilfe von IT. Sozusagen wird der Produktionsprozess nur „IT-lastiger“.


Aber wieso gibt es plötzlich Cobots? Die heutigen Industrieroboter sind doch schon jetzt sehr „IT-lastig“, einigen Industriemechanikern vielleicht sogar eher „IT-lästig“. Wie kam die Evolution der Industrieroboter zu den Cobots denn dann zustande? Durch Ingenieurskunst. An den Beispielen von ABB, KUKA und der Robert Bosch GmbH werde ich die Funktionsweise eines Cobots erklären. In diesem Eintrag werde ich die Technik im Allgemeinen erklären und die detaillierte Funktionsweise von komplementären Technologien, wie bspw. von Bildverarbeitungssystemen oder Greifersystemen, außen vor lassen.
Die Funktionsweisen kann man in die zwei unterschiedliche Typen „Ante-Kollision“ und „Post-Kollision“ unterteilen. Der APAS der Robert Bosch GmbH funktioniert nach dem „Ante-Kollision“-Prinzip, d.h. noch bevor es zu einem Kontakt oder Zusammenstoß mit einem Objekt kommen kann, stoppt der APAS. Der LBR iiwa von Kuka stoppt erst bei Kollision, also „Post-Kollision“. Dies ist möglich, da trotz hoher Geschwindigkeiten nur ein sehr niedriger Payload gegeben ist, wodurch ernsthafte Verletzungen unwahrscheinlich sind.

ABB

ABB hat im April 2015 die Gomtec GmbH gekauft und sich damit einen der innovativsten Hersteller für Cobots einverleibt. Mit dem Erwerb kamen auch ein paar nette Patente. Zum Beispeil ein Patent über kapazitive Sensorik beinhaltet und über das „intuitive Lernen“ des Cobots (vorgestellt auf der Automatica 2014). Auf der iRex 2015 in Tokyo hat ABB dann nun auch den Cobot (früher ‚Roberta‘ genannt) von Gomtec in einem weißen Gewand mit ABB-Logo gezeigt. Bis auf ein Video gibt es noch keine offiziellen Pressemitteilungen und in der Produktbroschüre für 2016 ist dieser Cobot auch nicht aufgeführt. Jedoch wird dieser Cobot die Zukunft für ABB sein. Weswegen ich die Funktionsweise des Roberta erklären werde, welche derzeit noch „Post-Kollision“ ist. Der Roberta hat sozusagen einen Drucksensor in den Gelenkantrieben jeder Achse und stoppt sobald der Manipulator mit einem Gegenstand in Berührung kommt. Wenn ich zum Beispiel den Manipulator nur minimal (mit geringem Kraftaufwand) in eine andere bzw. die entgegengesetzte Richtung „stoße“, stoppt der Cobot sofort. Das war die bisherige Funktionsweise. In nächster Zeit wird der Cobot aber einen kapazitiven Sensor besitzen und somit dem „Ante-Kollision“-Prinzip folgen. Ein Patent für die „Näherungssensoranordnung“ hat Gomtec schon angmeldet (es ist aber noch nicht erteilt). Diese Erfindung basiert auf einem NASA-Patent über kapazitive Sensorik aus den 90er Jahren. Die Gründe, warum der Roberta noch nicht vertrieben wird, könnte darin liegen, dass ABB Schwierigkeiten bei der Integration der kapazitiven Sensorik hat. Ebenso arbeitet ABB beim Thema ‚Cobots‘ intensiv mit dem Automatisierungstechnikhersteller Festo zusammen. Die Bildverarbeitungs- und Greifertechnologie wird höchstwahrscheinlich in Kooperation mit Festo entwickelt, wodurch es auch hier zu Problemen bei der Integration kommen könnte.

Bosch APAS

Die kollaborative Technik des APAS basiert auf einem Sensorsystem zur Umfeldüberwachung mit kapazitiven Sensoren, d.h. bemerkt das System ein Objekt innerhalb von bspw. 5 cm, wird ein Impuls weitergegeben, der in diesem Fall den Manipulator des Cobot stoppt. Bewegt sich das Objekt (bspw. der Mitarbeiter) und befindet sich nun außerhalb dieser 5 cm, fährt der Roboter mit seinem Arbeitsauftrag fort. In Verbindung mit dem APAS Speedswitch wirkt diese Technologie noch imposanter.

KUKA

Die kollaborative Technik von Kuka’s LBR iiwa basiert vor allem auf Entwicklungen des DLR und funktioniert nach dem „Post-Kollision“-Prinzip. Ähnlich dem Cobot Roberta von Gomtec, besitzt der LBR iiwa eine gefedert abgestützte Drehmomentstütze in den Gelenkantrieben. Je nachdem wie man diese Drehmomentsstütze einstellt, erzeugt diese ein Rückstellmoment. Kuka arbeitet bei der Weiterentwicklung und Applikation ihres Cobots sehr eng mit Mercedes-Benz zusammen. Daimler nutzt den Cobot bspw. schon bei der komplexen Hinterachsgetriebemontage.

Vielen Cobots arbeiten nach dem gleichen Prinzip

Marktführer Universal Robots (UR-Modelle) wie auch Fanuc (CR35-iA), Yaskawa (HC-10) und Rethink Robots (Baxter, Sawyer) nutzen scheinbar die gleiche Technik (leider ist eine ausgiebige Patentrecherche nicht möglich). Auch diese Cobots arbeiten nach dem „Post-Kollision“-Prinzip.

Ante-Kollision Post-Kollision
Bosch APAS Fanuc CR35-iA (CR7-iA vorgestellt)
ABB Yumi (TBA) Universal Robots UR3, UR5 & UR9
Yaskawa Hc-10
ABB Yumi
Rethink Robotics Baxter & Sawyer
Kuka LBR iiwa



Jeder Roboterhersteller versucht jetzt in diesen Markt zu dringen und das Potenzial abzuschöpfen. Bis auf ABB und Bosch APAS basieren alle auf dem gleichen Prinzip und bringen dadurch Einschränkungen iSv. Payload, Geschwindigkeit und Einsatzgebiet. Trotzdem bieten sie für die SME eine neue Möglichkeit zur Automatisierung und Optimierung ihrer Produktionsprozesse. Ohne neue Entwicklung um sich vom „Post-Kollision“-Prinzip zu entfernen, wird dies zu Preiskämpfen unter den Herstellern führen, sobald die erste Sättigungsphase im Markt eingesetzt hat.

 

Anmerkung: Bei den verlinkten Pantenten handelt es sich um Offenlegungsschriften, d.h. sofern nicht vermerkt, ist das Patent noch nicht erteilt.

Die Zukunft des Cobots

Die Zukunft des Cobots

Das Thema Cobot ist in diesem Jahr nun auch des öfteren von den Tageszeitungen aufgegriffen worden und dadurch entstand, neben dem üblichen „Industrie 4.0 Buzz“, ein kleiner Hype um die Cobots. Dieser Hype ging sogar soweit, dass es Vodafone ein Clickbait-Artikel wert war. Für Fachkundige war der Artikel natürlich nicht sehr informativ aber der Allgemeinheit könnte eine erste Einstiegshilfe in die Thematik sein. Auf der Fachmesse Automatica war ein Hype über Cobots bzw. deren Technologie schon fast nicht mehr zu spüren und stattdessen gab es ernsthafte Diskussionen über die zukünftige Marktentwicklung von Cobots.

 

‚Big Four‘ holen Marktführer Universal Robots ein

Seit dem Urknall des Cobot im Jahr 2009 (Weil Universal Robots damals den UR5 auf den Markt gebracht hat und damit sozusagen den Markt eröffnet hat) gab es ein Wachstum von 50% p.a. und immer mehr Unternehmen steigen in den Markt mit Produkten ein oder verkünden per Pressemitteilungen über Entwicklungen im Bereich Cobots. Im August 2016 gibt es acht Konzerne mit Cobots, welche sich langfristig (aufgrund ihrer Größe und ihrem Kapital) im Markt positionieren könnten:

Robert Bosch GmbH – APAS
KUKA AG – LBR iiwa
Universal Robots – UR-Modelle
ABB – Yumi
Fanuc – CR-35ia
Rethink Robotics – Baxter, Sawyer
Yaskawa – HC10 Cobot
SIASUN – Modellname unbekannt

Neben diesen Acht, gibt es auch noch zahlreiche Start-Ups wie bspw. F&P Robotics mit ihrem P-Rod2. Der Marktführer ist Universal Robots mit einem Marktanteil über 70 Prozent, wobei dieser in den nächsten Jahren rückläufig sein wird. Universal Robots hatte durch disruptive Innovation den First-Mover-Advantage, aber bis 2020 werden die „Big Four“ (Kuka, ABB, Fanuc und Yaskawa) aufgeholt haben. All diese Konzerne besitzen ein weltweites Vertriebsnetz und haben den Cobot nur noch ihrer Produktpalette beizufügen. Zwar gibt es länderspezifische Besonderheiten bevor der Vertrieb beginnen kann, doch die etablierten Hersteller besitzen jahrelange Erfahrung im Umgang mit Importgesetzen, Maschinenrichtlinien und Zulassungsvoraussetzungen. Dies wird die Aufholjagd nur verzögern.
Start-Ups wie Rethink Robotics mit ihrem Baxter und Sawyer können langfristig im Markt bestehen , wenn sie das Vertriebsnetz und den Support für ihre Roboter optimieren. Der Preis von 25 000 USD ist schon mal eine Kampfansage an die Konkurrenz und um von Buying-Centern beachtet zu werden. Da Rethink Robotics überwiegend von Wagniskapitalgebern unterstützt wird, ist ein Exit durch Verkauf aber eher wahrscheinlich. Rethink könnte durch einen Industriekonzern erworben werden, welcher die Thematik Cobots verschlafen hat und sich damit Marktteile, Marktzugang (USA) sowie Technologie sichern möchte. Anderen Start-Ups könnte ein ähnliches Schicksal ereignen. Wenn man beachtet, dass die Roboterhersteller Kawasaki, Nachi, Stäubli und Adept bis jetzt noch nichts „Vergleichbares“ präsentiert haben, ist bis 2020 eine kleine M&A-Welle wahrscheinlich. Bei Bosch ist zwar das Know-How und sogar eine einzigartige, hochinnovative Technologie vorhanden, aber ein ernsthafter Konkurrent für die Big Four oder UR ist der Konzern aus Gerlingen nicht.

 

Ein jährliches Wachstum von 50 Prozent

Was die ganzen Unternehmen in diesen Markt treibt? Das liebe Geld. Schon im letzten Jahr hat Barclays ein Marktvolumen von 11.5 Milliarden USD für das Jahr 2025 prognostiziert. Natürlich ist solch eine Zahl viel zu hoch gegriffen und dies wurde mit einer Kaufempfehlung für Kuka publiziert. Das Marktvolumen betrug letztes Jahr ca. 100 Millionen USD, d.h. dieses Jahr sollten es ca. 150 Mio. USD sein und 2020 – lineares Wachstum vorausgesetzt – könnte es 760 Mio. USD erreichen. Ob die Analysten bei Barclays bei ihrer Prognose eine e-Funktion benutzten ist mir leider nicht bekannt, aber bei gleichbleibender Steigung wäre der Markt im Jahr 2025 „nur“ 5,7 Milliarden USD groß.
Beachtet man weitere Faktoren wie Subventionen, Preise und Afa ,wird die Wachstumkurve eher konkav verlaufen. Bis auf Barclays hat sich niemand soweit aus dem Fenster gelehnt und konkrete Prognosen abgegeben, insbesondere weil der Markt noch in seiner „Findungsphase“ ist. Die „Findungsphase“ bedeutet, dass sich die Zielgruppen, Absatzgebiete, Anwendungsbereiche und Applikationen noch gar nicht eindeutig herausgebildet haben. Viele Kunden wie bspw. Mercedes Benz, Ford oder Boeing experimentieren derzeit welche Anwendungsbereiche möglich und sinnvoll sind. Per Vegard Nerseth, SVP von ABB Robotics, hat auf der diesjährigen Automatica eine kleine Prognose abgegeben und von 77 000 Einheiten im Jahr 2020 gesprochen (leider rezitierte er Barclays). Doch ich teile seine Auffassung, dass die Cobots herkömmliche Gelenkarmroboter mit niedrigem Payload (unter 50 kg) gänzlich ersetzen werden, d.h. auch wenn es keine direkte Mensch-Roboter-Kooperation bei der Aufgabenausführung gibt. Die Cobots benötigen in den Produktionshallen weniger Platz (Sicherheitszäune fallen weg) und ermöglichen eine effizientere Qualitätskontrolle durch Fachkräfte (bspw. schreitet der Qualitätsprüfer in den Produktionbereich hinein und nimmt einfach ein Zwischenerzeugnis, ohne vorher die Produktion zu stoppen oder die Qualitätsprüfung erst beim Fertigerzeugnis durchführen zu müssen).  Dieser Verdrängungsprozess könnte kurzfristig zu Schwankungen in den Absatzzahlen führen, weil die Zielgruppen dazu übergehen abgeschriebene Industrieroboter durch Cobots zu ersetzen.

Der IFR sammelt leider keine Absatzzahlen zu Cobots, möchte aber damit bald beginnen. Auf der Automatica hat sich der Verband mit seinen Mitgliedern getroffen, um den Begriff ‚Cobot‘ zu definieren. Erste Ergebnisse sind mir leider nicht bekannt, genauso wenig ob das Datensammeln begonnen hat.

 

Bildquelle: Messe München

Warum übernimmt Midea die Kuka AG?

Warum übernimmt Midea die Kuka AG?

Seit einigen Tagen ist der Deal durch und die Midea Group, aus dem chinesischen Foshan, hat 95 Prozent der KUKA AG für den Preis von 115 € pro Aktien erworben. Das Wirtschaftsministerium hat keine Einwände gegen die Akquisition, da die Midea eine Autonomiegarantie bis zum Jahr 2023 gegeben hat. Herr Gabriel hat sich von dieser Garantie blenden lassen, da er nicht die langfristigen Auswirkungen dieser Akquisition im Blick hat – aber das ist ja nicht das erste Mal. Die Midea Group, ein Haushaltsgerätekonglomerat, geht eine solche Vereinbarung gerne ein, da sie vorwiegend an einem Technologietransfer interessiert sind, welcher schon bis 2023 geschehen wird. In der deutschen Presse gab es Bedenken, da Kuka auch Rüstungszulieferer ist, aber diese sind im ersten Moment lächerlich. Die deutschen Gesellschaft betrachtet den Kauf aus der Perspektive, das der deutsche Markt bzw. die Technologie oder vielleicht das deutsche Bier der Grund dafür ist. Doch Midea denkt bei dieser Entscheidung regional und langfristig.

 

Auf einen Schlag Marktführer?

Kuka ist zwar nur sechstgrößter Roboterhersteller weltweit, doch seine Stellung auf dem chinsesichen Markt macht es so begehrenswert. Das Augsburger Unternehmen hatte im Jahr 2013 einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent in China (welcher sogar noch steigert wurde) und hat die Crème de la Crème der chinesischen Großkonzerne als Kunden. Durch die Akquisition hat Midea auf einen Schlag einen bedeutenden Marktanteil in ihrem Heimatmarkt inne. China ist, wie schon in den letzten Jahren, der größte Abnehmer von Industrierobotern und wird dieses auch bleiben.  Viele Experten und Journalisten haben den Technologietransfer als Hauptgrund für den Kauf genannt, aber niemand hat scheinbar weiter in die Vergangenheit von Midea geschaut. Vor dem Jahr 2014 hat die Gruppe kein Interesse an Industrierobotern oder irgendeiner Art von Robotik. In 2014 wurden dann 800 Roboter in den eigenen Werken in Betrieb genommen, sowie erste R&D zum Thema Robotik anfokussiert. Danach kam der nächste Paukenschlag als Midea im Oktober 2015 einen Joint-Venture mit Yaskawa Electric eingegangen sind:

In  2015,  Midea  expanded  its business  into  robotics,  and  established an  industrial  and  service  robotcompany withtheglobally reknownedrobot giant, YASKAWA, fromJapan. Itaims tocompletely improveits  intelligent manufacturinglevel by  way  of“intelligent manufacturing + industrial robots”, andto  pushthedevelopment of core partssuch asserve motors and system integrationalongwith thedevelopmentofindustrial robots.

An diesem Joint-Venture hält die Midea Group 60,1 Prozent und zum Zeitpunkt der Bekanntmachung betrug der Anteil an Kuka schon über 5 Prozent. Der Hauptmerkmal des Joint-Venture sind natürlich nur Serviceroboter, was sich aus dem Firmennamen ableiten lässt: „Guangdong Midea-Yaskawa Service Robotics Ltd“. Ob sich die Chinesen darauf beschränken werden, ist fraglich. Der chinesische Markt steuert 23 Prozent zu Yaskawa’s Umsätzen bei und ist der umsatzrelevanteste Markt für den japanischen Konzern, wodurch Midea mit beiden Unternehmen einen netten Marktanteil von mindestens 30 Prozent hat (Schätzung, da Yaskawa keine Marktanteilsprognose abgibt). Nun hat Midea in ihrem Heimatmarkt einen signifikanten Anteil, wenn nicht sogar eine Marktmacht, obwohl vor 3 Jahren das Thema „Industrial Automation“ nur in einem Nebensatz erwähnt wurde.

 

Die langfristigen Auswirkungen

Robotik wird in 20 bis 25 Jahren der wichtigste Industriesektorder Welt sein. Was heute die Automobilindustrie ist, wird in 20 Jahren die Robotikindustrie sein, egal ob Industrie- oder Servicerobotik. Lasst mich lügen, aber in den 70er Jahren hat ein Politiker prophezeit, dass die Kohleindustrie – für die nächsten 30 Jahre – der wichtigste Wirtschaftssektor in Europa bleiben wird und die Automobilindustrie in der Nichtigkeit verschwinden werde. Nun…es ist wohl anders gekommen. Das Gleiche wird mit der Robotik geschehen. Schon die Marktprognosen für den Cobot-Bereich liegen im Bereich von zig Milliarden Euro – allein für das Jahr 2020. Mit der Akquisition hat sich Midea als zukünftig führendes Unternehmen in einem weiterhin wachsenden Markt positioniert. Langfristig betrachtet sind 4,5 Milliarden für diesen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil ein Schnäppchenpreis. Insbesondere wenn man sich die Übernahme von UR durch Teradyne iHv. 285 Millionen Dollar in Erinnerung ruft. Der Wettbewerb der Industrienationen über den Robotiksektor wird ab den 20er Jahren dieses Jahrtausends intensiviert werden und man kann massive Subventionen erwarten. Somit haben Herr Gabriel und Frau Merkel einem wichtigen Industriesektor ‚Lebe wohl‘ gesagt und eine entscheidende Rolle für Deutschland verspielt.

Die Midea Group bzw. China hat sich einen erheblichen Vorteil verschafft und kann durch den Technologietransfer den gleichen Entwicklungsstand wie andere Staaten bspw. die USA oder Japan (und Unternehmen) erreichen. Egal wie der Wettlauf in den nächsten Jahrzehnten ausgeht. Es ist aber jetzt schon klar: selbst später wird sich niemand mehr über die Akquisition so sehr ärgern wie Guy Wyser-Pratte.

Die Themen ‚Industrie 4.0‘ und ‚Smart Factory‘ hatte Midea bei diesem Erwerb bestimmt auch im Sinne, aber welche Strategie dahinter stecken könnte, kann ich leider nicht beurteilen. Inbesondere da diese Themen zur Zeit Buzzwords in gefühlt jedem Industrieunternehmen sind.

Bildquelle: Kuka AG