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Schlagwort: Arbeitskräfte

Roboter werden immer mehr Arbeitsplätze ersetzen

Roboter werden immer mehr Arbeitsplätze ersetzen

Das Thema ist sehr kontrovers und polarisiert. Aber Fakt ist, dass in der Zukunft Roboter – vor allem kollaborierende Roboter – Arbeitskräfte in der Fertigung ersetzen werden. Es gibt verschiedene Studien mit teils gegensätzlichen Ergebnissen. Ich habe einige Studien der Boston Consulting Group, der Citigroup, des International Federation of Robotics, der Oxford Martin School und McKinsey durchgelesen.

Beispielsweise ist die Studie „Positive Impacts of Industrial Robots on Employment“ des IFR aus dem Jahr 2013 weit von Objektivität und wissenschaftlichen Standards entfernt. Allein die äußere Form lässt auf die Qualität der Studie schließen: keine Fußnoten, kein Literaturverzeichnis, Copy&Paste von Diagrammen. Ich habe die Studie nicht durchgelesen, sondern nur Teile der Zusammenfassung, da die Publikationen des IFR des öfteren von fragwürdiger Natur sind. Die Studie schätzt, dass eine bis zwei Millionen Arbeitsplätze durch „Robotik“ zwischen 2017 und 2020 entstehen werden.¹ Leider ist mir nicht klar ob weltweit, im Universum oder in den sechs Ländern [welche in der Studie teilweise vergleichend gegenüber gestellt werden]. Im späteren Verlauf der Studie wird klar, dass es nur 170.000 bis 190.000 neue Arbeitsplätze innerhalb der Robotikindustrie werden.² Die verbleibenden 800.000 bis 1,8 Mio. würden indirekt entstehen.

Andere Studien wie bspw. Frey et al. erwartet einen Anstieg um 100.000 Arbeitsplätze [zwischen 2012 und 2022 innerhalb der USA].³

Cobots ersetzen die menschliche Arbeitskraft

Die allgemeine Aussage, dass Roboter Arbeitsplätze schaffen werden, ist eine Lüge. Es werden neue Arbeitsplätze für hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem tertiären Bildungsbereich entstehen, aber es wird einen starken Arbeitsplatzrückgang für Personen mit primärer [oder sekundärer] Bildung geben.4 5 Die Tätigkeiten dieser Personen [in der Produktion] werden dann durch Industrieroboter, kollaborierende Roboter und Automatisierungssysteme durchgeführt. Es muss dazu gesagt, dass die Automatisierung von Branche zu Branche sehr unterschiedlich sein wird. Die Schätzungen liegen bei ein bis fünf Prozent in der Textilindustrie und 85 Prozent im Maschinenbau.6

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für eine Arbeitskraft, welche durch Automatisierung bzw. Robotik gefährdet ist: Heinz ist 53 Jahre alt und Produktionshelfer in einem mittelständischen Betrieb  [100. Mio € Jahresumsatz, Automobilzulieferer]. Er hat eine Bäckerausbildung, musste aber nach ein paar Jahren den Beruf aufgrund einer Mehlallergie aufgeben. Nun arbeitet er für 12.50 €/Stunde als Produktionshelfer an einer Maschine. Die Tätigkeit ist monoton und bei Problemen wendet sich Heinz an den Vorarbeiter oder Schichtleitenden Industriemechaniker. Der heutige Stundensatz für einen Roboter beträgt $10 bis $20 [ca. 9€ bis 18€ pro Stunde].7 Der Industrieroboter ist schneller als Heinz, d.h. Heinz kann man ersetzen und eine Kostenersparnis [aufgrund der gesteigerten Produktivität] ist sehr wahrscheinlich. Sirkin et al. schätzt, dass Roboter die menschliche Arbeitskraft ersetzen, sobald der Betriebsstundensatz 15 Prozent niedriger als der Stundenlohn liegt.8 In Deutschland müsste der Satz also 7,22 € betragen [ohne die Produktivitätssteigerung mit eingerechnet].

Der Betriebsstundensatz für Roboter wird innerhalb der nächsten Jahre weiter fallen, vergleichbar mit der Amortisationsdauer eines Roboters: Im Jahr 2010 betrug diese 5,3 Jahre und 2015 nur noch 1,7 Jahre.9

Aber nicht nur einfache Produktionstätigkeiten sind durch Automatisierung gefährdet. Schon 2013 legten Frey und Osborne in einer Studie nahe, dass 57 Prozent aller Arbeitsplätze [innerhalb der OECD Mitgliedsstaaten] durch Automatisierung [mit Hilfe von Computern] gefährdet sind.10 Konträr dazu erwartet die Unternehmensberatung McKinsey in einer Studie, dass gerade einmal 5 Prozent aller Arbeitsplätze komplett automatisiert werden könnten.11 Des weiteren wurde ausgeführt, dass „mehr als 10 Prozent“ des Aufgabenbereichs eines Arbeitnehmers [im Marketing] von Maschinen übernommen werden könnten.12

Dieser Gefährdung kann man entgegnen, indem man Arbeitstätigkeiten übernimmt, welche Kreativität, soziale Intelligenz und räumliche Auffassungsgabe erfordern.13

Die Polarisierung des Themas liegt auch an der ignoranten Sichtweise der westlichen Industrienationen bzw. deren Bürger. Wenn Zahlen genannt werden, wie bspw. 57 Prozent aller Arbeitsplätze, gehen die Menschen immer davon aus, dass damit ihre Arbeit gemeint ist, weil diese ja so wichtig sei. In China sind sogar 77 Prozent aller Arbeitsplätze gefährdet.14

Arbeitsplätze entstehen im tertiären Sektor

Es werden aber auch Arbeitsplätze entstehen. Die EU schätzt, dass 8 Mio. Arbeitsplätze im Gesundheitswesen [zwischen 2010 und 2020] entstehen werden.15 In anderen Branchen ist dies genauso. Jede Volkswirtschaft folgt der ‚Drei-Sektoren-Hypothese‘: erst folgt der Übergang von primären Sektor (Landwirtschafts etc.) zum sekundären Sektor (Industrialisierung). Danach folgt schlussendlich der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft (tertiärer Sektor). Aufgrund der Automatisierung wird sich dies nun verändern und die drei Sektoren werden in „automatisiert“ und „nicht-automatisiert“ einteilbar sein. Nicht automatisierte Bereiche im tertiären Sektor sind bspw. das Bildungswesen, die Forschung oder die Betriebswirtschaft.

Automatisierung an der Drei-Sektoren-Hypothese
schematische Darstellung

 

Einige Entwicklungsländer werden vom primären Sektor sofort zum tertiären Sektor übergehen, da andere Volkswirtschaften die Produktion [aufgrund von Automatisierung] besser durchführen und sich der „Zwischenschritt“ für diese Entwicklungsländern nicht lohnt. Dadurch wird in Zukunft der Aufstieg solcher Entwicklungsländer zu Industrienationen [paradoxe Wortwahl] sehr schwierig.

Ein weiterer Faktor in dieser Diskussion ist der demografische Wandel in den Industrieländern. Viele Länder sehen die Automatisierung als Lösung für den Arbeitskräfteschwund [ausgelöst durch den demografischen Wandel] und erhoffen sich eine Kontinuität oder Steigerung ihrer Produktivität. Die Automatisierung und der demografische Wandel werden sich aber nur innerhalb verschiedener Bereich wie bspw. in der Produktion oder dem Transportwesen/Logistik begegnen. Eine vollständige Kompensation des demografischen Wandels durch Automatisierung und Robotik wird auf keinen Fall möglich sein.

 

Schlussendlich kann man sagen, dass Roboter viele Arbeitsplätze [im heutigen Sinne] ersetzen werden. Ein gesamtwirtschaftlich positiver Effekt von Robotern auf die Beschäftigungsrate ist nicht vorhanden. Aufgrund des technologischen Fortschritts wird es in neuen Bereichen [bspw. der New Economy] eine große Anzahl neuer Jobs geben, aber die Anzahl der Erwerbstätigen in der Fertigung wird immer weiter zurückgehen. Schon jetzt zeigt sich, dass Deutschland die Spitze an Erwerbstätigen [in Relation zum BIP pro Kopf] im Jahre 1970 erreicht hatte. Andere Länder wie die USA in 1953, Korea in 1989, China in 2010, Japan in 1973 oder Frankreich in 1974. Die Sorge, dass Roboter auch in den Dienstleistungsbereich eindringen, ist berechtigt – aber die Frage ist: Wollen wir im Restaurant von einem Menschen oder von R2D2 bedient werden?

 


Fußnoten:
1 – International Federation of Robotics (Hrsg.) (2013): Positive Impact of Industrial Robots on Employment, 2.Auflage, S.3.
2 – International Federation of Robotics (Hrsg.) (2013): Positive Impact of Industrial Robots on Employment, 2.Auflage, S.5.
3 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.44.
4 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.48.
5 – Sirkin, Harold L.; Zinser, Michael; Rose, Justin Ryan (2015): The robotics revolution . the next great leap in manufacutring, S.5.
6 – Sirkin, Harold L.; Zinser, Michael; Rose, Justin Ryan (2015): The robotics revolution . the next great leap in manufacutring, S.15f.
7 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.26.
8 – Sirkin, Harold L.; Zinser, Michael; Rose, Justin Ryan (2015): The robotics revolution . the next great leap in manufacutring, S.7.
9 – Blend, Ben (2016): China’s robot revolution, In: Financial Times, URL: http://on.ft.com/2cYtRZ0.
10 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael (2013): The Future of Employment: How Susceptible are Jobts to Computerisation?, University of Oxford 2013.
11 – o.A. (2016): Übernehmen Roboter das Marketing?, In: Harvard Business Manager, Nr.6 2016, S.11.
12 – ebd.
13 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.12.
14 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.7.
15 – Frey, Carl Benedict; Osborne, Michael; Holmes, Craig; Citigroup (Hrsg.) (2016): Technology at Work v2.0 – The Future Is Not What It Used to Be, S.45.